Im Interview: Jöst GmbH

Finalist in der Kategorie Innovation

Der Schleifkopf Blade Maker in Aktion. Foto: Jöst GmbH

Um was geht’s bei der Jöst GmbH?

Die Firma Jöst produziert seit 35 Jahren weltweit für nahezu alle Industriebereiche und Anwendungsgebiete Schleifmittel und Schleifsysteme. Hier konnte sie sich im Markt einen Bekanntheitsgrad erwerben, der auf Innovation, Qualität und Zuverlässigkeit basiert. Ein Zeugnis hierfür sind u.a. die vielen CEOs namhafter, konkurrierender Schleifmittelunternehmen auf unseren Messeständen und die stete Frage: „Was gibt es Neues bei Jöst?“

 

Weltweit gesehen zählen wir sicherlich zu den kleinsten, aber – und das dürfen wir wohl mit Fug und Recht behaupten - innovativsten Unternehmen. Namhafte Weltkonzerne haben unsere patentierten Produkte auf Lizenzbasis hergestellt und vertrieben.

Mit welcher Innovation gehen Sie an den Start?

Für die Hessen Champions 2016 gehen wir mit dem automatischen Bandschleifsystem für Rotorblätter an den Start. Nach der Abkehr von der Atomkraft und der beschlossenen Energiewende ist die Windenergie eine der wichtigsten Säulen der erneuerbaren Energien und der Energieversorgung des Industriestandortes Deutschland insgesamt.

 

Sie wird aber nur dann von der Bevölkerung akzeptiert werden, wenn es gelingt, dass sich die Erzeugung von Energie durch Windkraft ohne hohe Zuschüsse des Steuerzahlers selbst trägt.

 

Da nachweislich der Kostenanteil für die Endbearbeitung der Rotorblätter über 42% der Gesamtkosten ausmacht, ist es unbedingt erforderlich, dass die Endbearbeitungskosten bzw. die Schleifarbeiten nach dem Aufbringen der verschiedenen Beschichtungen nicht mehr manuell mit kleinen Handschleifmaschinen, sondern maschinell und automatisch durchgeführt werden. Nur so lassen sich die hohen Endbearbeitungskosten reduzieren.

Wie ist Ihre Innovation entstanden? Langer Prozess oder genialer Geistesblitz?

Die Innovation ist dadurch entstanden, dass der Erfinder selbst bei einem großen Windkraftanlagen-Hersteller die Möglichkeit hatte, die von ihm erfundene und patentierte Multiloch-Schleifscheibe in der Fertigung zu testen.

 

Die Multiloch-Schleifscheibe erlaubt normalerweise ein staubfreies Arbeiten. Durch die aufgrund der Perforation ganzflächige Staubabsaugung setzt sie sich im Gegensatz zu den herkömmlichen Schleifscheiben nicht zu und garantiert somit eine hohe Schleifleistung.

 

Da die Rotorblätter jedoch mit zäh-elastischen PU-Beschichtungen beschichtet werden, um den Belastungen durch starke Blattbewegungen und hohe Drehgeschwindigkeiten von bis zu 300km/Std. sowie Vogel- und Hagelschlag standzuhalten, hat sich die Multiloch-Scheibe auch nicht als geeignetes Schleifmittel im Vergleich zu herkömmlichen Schleifscheiben mit großen Absauglöchern erwiesen. Denn hier entsteht kein trockener Staub, vielmehr können die zäh-elastischen Beschichtungen zu einem sehr schnellen Zusetzen der Schleifscheiben führen, da sie sich nicht absaugen lassen.

 

Nach einem 1-stündigen Aufenthalt in der Produktion war dem Erfinder klar, dass das Problem nicht mit einem Schleifmittel bzw. Schleifsystem gelöst werden kann, bei dem das Schleifmittel permanent auf der zu beschleifenden Oberfläche verbleibt.

 

Es musste also ein Schleifsystem eingesetzt werden, das nur einen kurzen Kontakt mit der zu beschleifenden Fläche hat und dann wieder von der Fläche weggeführt wird. So kann das Schleifmittel bei Bedarf sofort durch eine Reinigungsstation geführt werden, sollte es sich zusetzen.

 

Nur ein Bandschleifsystem bietet diese Möglichkeit. Die einwandfreie Funktion bei diesem System wird dadurch gewährleistet, dass das ebenfalls von uns entwickelte und patentierte Schleifband perforiert ist, wodurch bereits beim Kontakt mit der zu beschleifenden Fläche ein Teil des Abtrages durch das Band hindurch abgesaugt werden kann. Der noch verbleibende Rest des Abtrages auf dem Band, der die Funktion des Bandes beeinträchtigen würde, wird beim Durchführen des Bandes durch die Reinigungsstation abgesaugt, abgebürstet oder ausgeblasen.

 

Dieses System erlaubt eine störungs- und einwandfreie maschinelle Bearbeitung eines kompletten Rotorblattes, ohne dass das Schleifmittel seine Funktion verliert oder ausgewechselt werden müsste.

 

Für die Beseitigung des Reststaubes, der nach jedem Schleifvorgang und vor jeder neuen Beschichtung vorhanden ist, kann ebenfalls das automatische Bandschleifsystem eingesetzt werden. In diesem Fall wird das Schleifband durch ein sogenanntes Staubband ersetzt, durch das der Reststaub abgesaugt wird.

 

Die Erfindung basiert auf einer genauen Analyse des Problems und der Kenntnis der Funktionen unterschiedlicher Schleifsysteme – insgesamt ein umfangreicher Prozess. Sie war aber auch Geistesblitz, denn durch Erkennen des Problems stand dem Erfinder die Lösung sofort klar vor Augen.

Warum glauben Sie, dass Sie Hessen-Champion 2016 werden sollten?

Wir glauben, dass wir Hessen Champion 2016 werden sollten, weil wir durch unsere Erfindung einen großen Beitrag zum Gelingen des Forschungsprojektes BladeMaker des Fraunhofer Institutes IWES Bremerhaven leisten. Ziel ist eine deutliche Kostenreduktion bei der Herstellung von Rotorblättern.

 

Auch das Bundeswirtschaftsministerium hat erkannt: Will man den Industriestandort Deutschland und dessen Produktion für die Windkraft sichern, kann dies nur durch eine erhebliche Reduzierung der Personalkosten geschehen. Deswegen unterstützt das Ministerium das Projekt mit erheblichen finanziellen Mitteln.

 

Wir wollen mit Billiglohnländern konkurrieren können! Deswegen ist unser Ziel, die Personalkosten um bis zu 50% zu reduzieren. Das ist jedoch nur möglich, wenn die Endbearbeitungskosten von fast 40% durch Automation verringert werden.

 

Durch den von uns entwickelten und eigenfinanzierten Prototypen, der im DemoCenter des Fraunhofer Institutes IWES in Bremerhaven in der Forschungsanlage eingebaut ist, haben wir bewiesen, dass nur mit unserer Erfindung die Kostenreduzierung bei der Endbearbeitung realisierbar ist.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Umweltbelastung. Im Gegensatz zu der aktuellen manuellen Bearbeitung mit kleinen Handschleifmaschinen ermöglicht unsere automatische Bandschleifvorrichtung ein staubfreies Arbeiten. Außerdem tragen wir mit der Kostenreduzierung bei der Herstellung der Anlagen maßgeblich zur Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Windenergie bei.

 

Unser Verfahren wird auch in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Das macht auch das neue Forschungsprojekt Blade Factory des Fraunhofer Institutes deutlich, bei dem man uns wiederum um unsere Mitarbeit gebeten hat.

 

Wir möchten noch betonen, dass wir aufgrund der komplizierten Antragstellung von Fördermitteln auf jegliche finanzielle Unterstützung verzichtet und alle mit dem Projekt verbundenen Kosten aus eigenen Mitteln finanziert haben.

 

Jöst GmbH, Wald-Michelbach

Die Jöst GmbH im Odenwald ist ein traditionsreicher Schleifmittel-Hersteller, dessen Produkte Anwendung in der Auto-, Möbel-, Metall- und Kunststoffindustrie sowie im Parkett- und Gebäudereinigungssektor finden. Die neueste Entwicklung des Unternehmens kommt in der Windkraft-Industrie zum Einsatz: ein innovatives, patentrechtlich geschütztes automatisches Bandschleifsystem für die Endbearbeitung von Rotorblättern.